Was Apple mit der Schlafanalyse von Beddit vorhaben könnte

Beddit Sensor

Ein Drittel unseres Lebens verbringen wir im Schlaf. Trotzdem wissen die meisten eher wenig über diesen Tagesabschnitt und wie er sich auf unsere wache Zeit auswirkt.

Das will Apple ändern: Schon vor Jahren hat Cupertino mit der Einstellung eines Schlaf-Experten erstmals Interesse an dem Themengebiet bekundet. Später stieg der Konzern mit der Apple Watch, HealtKit, ResearchKit und CareKit tiefer in das Gebiet der Gesundheitsüberwachung ein. In iOS 9.3 integrierte Apple den augenschoneneden NightShift-Modus, den viele bereits von f.lux kannten und weitete diesen mit MacOS 10.12.3 auch auf den Mac aus. In iOS 10 folgte außerdem ein Wecker, der uns helfen soll, regelmäßige Schlafenszeiten einzuhalten.Beddit Logo

Doch damit nicht genug: Erst gestern wurde bekannt, dass Apple sich jüngst still und heimlich den Schlafanalyse-Spezialisten Beddit einverleibte. Wir nehmen dies zum Anlass, einen genaueren Blick auf das Konzept der Finnen zu werfen und zu überlegen, was Apple mit dem gekauften Know-How vorhaben könnte.

Ein wichtiges Drittel unseres Lebens

Schlaf ist ein oft unterschätzter Faktor für unsere physische wie psychische Gesundheit. Dabei hat jeder schon mal schlecht oder viel zu kurz geschlafen und weiß um die Folgen auf unseren Körper und unseren Geist. Schlaf bietet uns Zeit zur Regeneration und Erholung von den Geschehnissen des Tages und beeinflusst somit unser Wohlbefinden und unsere Leistungsfähigkeit. Die Dauer und die Qualität des Schlafes wirken sich auf unseren Stoffwechsel, unsere Ernährung und letztlich unsere körperliche Fitness aus. Im Schlaf verarbeiten wir aber auch die Erlebnisse des Tages, festigen gelerntes Wissen und speichern trainierte (Bewegungs-)Abläufe, bis wir sie schließlich „wie im Schlaf beherrschen“. Guter Schlaf senkt den Stress, stärkt die Konzentration und wirkt schließlich auch positiv auf unsere sozialen Beziehungen.

Auswirkungen schlechter Schlaf

Schlaf ist aber auch ein sehr individuelles Thema. Die Schlafgewohnheiten, Bedürfnisse und Probleme (wie Schnarchen) sind sind von Mensch zu Mensch verschieden. Jeder Dritte ist von Schlafschwierigkeiten betroffen und versucht, diese mit „gesundem“ Halbwissen zu beseitigen. Doch oftmals kennen wir unsere eigenen Gewohnheiten nicht so gut, wie wir denken.

Schlafdauer. individuell unterschiedlich

Beddit: Der dünnster Bettsensor der Welt

Das finnische Unternehmen Beddit hat es sich zur Aufgabe gemacht, das individuelle Anforderungsprofil seiner Kunden aufzudecken und individuelle Antworten zu liefern, mit denen sich die Qualität des Schlafes verbessern lässt.

Beddit Sensor

Dazu haben die Finnen den weltweit dünnsten Bettsensor entwickelt. Er sieht in etwa aus wie ein breiter weißer Gürtel, an dessen eine Ende ein weißes Kabel zur Steckdose führt. Der Beddit 3 Sleep Monitor, wie der Hersteller das Gerät nennt, wird einfach auf Brusthöhe auf die Matratze geklebt. Selbst auf Reisen kann man das kleine Gerät einfach mitnehmen, wenn man in Kauf nimmt, dass die Klebefläche nach dem ersten Gebrauch vermutlich nicht mehr richtig klebt. Einzig mit Wasserbetten und elektrisch beheizten Betten versteht sich der Sensor nicht. Im Gegensatz zu einem Brustgurt soll der Sleep Monitor kaum zu spüren sein. Auch dicke Bettlaken können über die Matratze mit dem Sensor gespannt werden. Laut Hersteller soll der Sensor so sensibel sein, dass er den Puls sogar erkennen würde, wenn das Bett auf dem Sensorband stünde. Der „Beddit 3 Sleep Monitor“ muss vor dem ersten Einsatz einmalig per Bluetooth mit dem Smartphone gekoppelt werden und startet die Messung anschließend jeden Abend automatisch, sobald man ins Bett geht. Lästiges Ein- oder Ausschalten entfällt.

Beddit: Analyse der Körperbewegung

Beddit setzt auf die Technik der Ballistokardiografie (BCG), die bereits Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt und in den 1940ern bis in die 1980er-Jahre näher erforscht wurde. Sowohl beim Atmen als auch bei jedem Herzschlag werden in unserem Körper kleinste Bewegungen ausgeführt, die mit der BCG in digitale Signale umgewandelt und anschließend analysiert werden können. Jedoch konnte sich kein standardisiertes Messverfahren durchsetzen und die Auswertung der Messkurven erwies sich als zu komplex, sodass man sich anderen Technologien widmete. In der Folge ist diese Technik lange Zeit in Vergessenheit geraten.

Beddit Daten

Das Geheimnis von Beddit sind seine patentierten Algorithmen, die heute die komplexe Auswertung übernehmen können. Nach jahrelangen wissenschaftlichen Studien haben es die Finnen geschafft, aus den verschiedenen Schlafdaten fundierte Aussagen zur Optimierung der Schlaf- und Fitnesssituation abzuleiten. Damit erhält die Technologie eine zweite Chance. Die Technik soll inzwischen bessere Ergebnisse liefern, als Konkurrenzprodukte. Auf die Messgenauigkeit von Beddit sind die Finnen besonders stolz: „Dieses Verfahren ist so genau, dass Sie mit einem Auto auf den Sensor fahren könnten, den Motor ausschalten, und das Gerät erkennt immer noch den Puls des Fahrers am Steuer.“ Kein Wunder: Beddit wurde in Zusammenarbeit mit dem Vitalmed Research Center entwickelt. Diese gehört zur der Helsinki Sleep Clinic, die auf dem Gebiet der Schlafforschung führend ist.

Der Sensor des Beddit 3 Sleep Monitor misst den Puls des Nutzer und ermittelt daraus den Ruhepuls und die Herzfrequenz-Variabilität. Daneben wird auch die Atmung und gegebenenfalls bestehendes Schnarchen überwacht. Außerdem protokolliert der Sensor die Bettzeiten, die Einschlafdauer, die Schlafzeiten, Wachphasen und die Tiefe des Schlafs.

Beddit-App mit Schlafanalyse und Smart Alarm

Die Daten werden per Bluetooth 4.0 live an die kostenfreie App auf dem Smartphone übertragen und dort sicher und auf Wunsch ohne zwischengelagerten Server gespeichert. Der Smart Alarm weckt den Nutzer bis zu 30 Minuten vor der angegebenen Zeit in einer passenden, eher leichten Schlafphase, damit das Aufstehen nicht so schwer fällt. In Zukunft möchte Beddit außerdem eine Vielzahl verschiedener Klingeltöne zur Wahl stellen. Mit Hilfe des Smartphones sollen künftig außerdem auch Umwelteinflüsse wie die Helligkeit und Temperatur im Raum ausgewertet werden. Aus allen Messwerten ermittelt die App dann einen Schlafscore. Je höher dieser ist, desto besser war der Schlaf.

Beddit Schlafanalyse

Die App gibt außerdem Hinweise, wie man seinen Schlaf künftig verbessern kann. Wer will, kann auch ein Profil mit individuellen Interessengebieten anlegen, um ein personalisiertes Schlaf-Coaching zu erhalten. Darüber hinaus können die Ergebnisse – auf Wunsch – in einer HealthCloud wie Vitadock hochgeladen und vom Hausarzt ausgewertet werden. So lässt sich zum Beispiel eine mögliche Schlaf-Apnoe, also Atem-Stillstände während des Schlafens, feststellen. Vitadock setzt ganz auf deutsche Server und unterliegt daher dem Deutschen und Europäischen Datenschutzrecht.

Für die Nutzung der App wird neben dem Sleep Monitor ein iPhone mit iOS 8 oder höher oder ein Smartphone mit Android ab der Version 4.3 benötigt. Laut Hersteller ist der Beddit 3 „optimiert für iOS“. Eine Nutzung der App ohne Sleep Sensor ist leider nicht möglich.

Apples Einzug in die Schlafforschung

Beddit wird voraussichtlich als eigenständiges Unternehmen fortgeführt, wie Apple es zuvor auch beim Audiotechnik-Hersteller Beats praktiziert hat. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass man das Know-How nutzt, um innovative Produkte unter der eigenen Flagge zu präsentieren.

Das der Sleep-Tracker von Beddit die optimale Ergänzung zur Apple Watch ist, hatten wir bereits Ende 2015 erörtert: Die meisten Nutzer legen ihre Apple Watch während der Nacht zum Laden ab. Dadurch wird die kontinuierliche Überwachung der Herzfrequenz unterbrochen. Beddit schließt diese Lücke und führt zugleich eine ausführliche Schlafanalyse durch, um den Nutzer morgens zum optimalen Zeitpunkt zu wecken.

Bisher gibt es nahezu keine Konkurrenzprodukte von vergleichbarer Qualität. Eine Unterseite der Beddit-Website, auf welcher der Hersteller näher auf die Technologie hinter dem Sleep-Tracker einging, wurde im Zuge der Übernahme eingestellt. Anscheinend will Apple keine schlafenden Hunde wecken.

Beddit bietet unvorhersehbare Möglichkeiten bei der Entdeckung, und Nachbehandlung von Schlafabnoe, Schlaflosigkeit, Herzrhytmusstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Stress. Mit dem Sensor lassen sich die Schlafdaten von Millionen Menschen relativ günstig überwachen. Der Preis von rund 150 US-Dollar pro Gerät dürfte weitaus günstiger sein, als eine Nacht in einem Schlaflabor und dürfte für viele Anwendungsgebiete ausreichen.

Auch für Firmenkunden könnte dies interessant sein. Denn die Schlafqualität der Angestellten beeinflusst deren Leistungsfähigkeit und Gesundheit. Schlechter Schlaf kann Unternehmen daher schnell viel Geld kosten.

Für zwei Personen wird übrigens die Anwendung mit zwei Sensoren empfohlen. Wie der Sensor auf anderweitige Arten der gemeinsamen Bettnutzung reagiert, hat der Beddit auf seiner Website leider nicht ausgeführt.

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Marcel Gust
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12 Kommentare zu dem Artikel "Was Apple mit der Schlafanalyse von Beddit vorhaben könnte"

  1. Seji 11. Mai 2017 um 16:09 Uhr ·
    ????
    iLike 3
    • Seji 11. Mai 2017 um 16:10 Uhr ·
      Sorry bin aber bei der Hälfte des Textes eingeschlafen ?
      iLike 11
      • Pseudo 12. Mai 2017 um 09:42 Uhr ·
        Spricht gegen deine Aufmerksamkeit, was schade ist, da dies ein sehr interessanter Artikel ist und war
        iLike 2
  2. Septimus 11. Mai 2017 um 17:17 Uhr ·
    Sicher interessant, aber eigentlich genügt schon dieser Text um sicher und schnell in den Schlaf zu kommen! ??
    iLike 2
  3. Ben 11. Mai 2017 um 19:31 Uhr ·
    Sehr gut lesbarer und ausführlich geschriebener Artikel. Bravo.??
    iLike 4
  4. BBA 11. Mai 2017 um 20:58 Uhr ·
    Night-Shift gibt es doch schon viel länger. Nicht erst seit iOS 10.3
    iLike 1
    • Michel 12. Mai 2017 um 09:35 Uhr ·
      Das dachte ich mir auch. Night Shift kam mit iOS 9.3
      iLike 0
    • Marcel Gust 15. Mai 2017 um 10:31 Uhr ·
      iOS 9.3 ist selbstverständlich korrekt – nicht 10.3! ✅ Ich habe es soeben korrigiert. Vielen Dank auch für das Lob einiger Kommentatoren. ?
      iLike 0
  5. apple birne 11. Mai 2017 um 23:28 Uhr ·
    ????
    iLike 0
  6. Daniel 12. Mai 2017 um 03:51 Uhr ·
    Der letzte Satz: „Wie der Sensor auf anderweitige Arten der gemeinsamen Bettnutzung reagiert, hat der Beddit auf seiner Website leider nicht ausgeführt.“ ???
    iLike 3
  7. Wiepenkathen 12. Mai 2017 um 10:46 Uhr ·
    Die größte kacke die es gibt . Schön im Schlaf verstrahlen lassen . Im Schlafzimmer haben Elektro Geräte nichts zu suchen und fertig . Dann schläft man gut und fertig .
    iLike 5
  8. Lacritoma 13. Mai 2017 um 05:44 Uhr ·
    Danke für den informativen Artikel ? Finde das sehr interessant – wäre aufjedenfall cool wenn ihr und diesbezüglich weiter auf dem laufenden haltet. Ich habe mal überlegt mir das Teil zu kaufen – nur jetzt nach der Übernahme bin ich nicht sicher ob sich das noch lohnt ?
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