Chefsalat: Musikstreaming boomt und das ist gut so

Apple Music und Spotify führen die Musikindustrie wieder in Richtung ihrer einstigen Größe. Dabei hält der Trend weg von gekaufter und hin zur gemieteter Musik weiter unvermindert an. Fans des iTunes-Downloads sterben aus. Damit geht eine lange geführte Kontroverse langsam zu Ende.
Was von der Woche übrig blieb: Meinungen und Zwischenrufe aus der Chefredaktion – persönlich, ungeschminkt und nur von Zeit zu Zeit, wenn mir gerade einmal wieder was im Kopf herumgeht, das ist der Chefsalat.

Neulich fragte mich eine Freundin: „Sag mal, wie kann ich denn mal schön Musik hören?“ Ich fragte sie darauf: „Welchen Dienst magst du denn besonders gern: Deezer, Spotify, Apple Music…?“ „Spotify hat mir eigentlich immer ganz gut gefallen“, antwortete sie. „Gut“, meinte ich. „Spotify funktioniert im Grunde genauso gut oder schlecht wie alle anderen Angebote. Preise und Katalog sind ziemlich ähnlich. Du kannst eigentlich sofort loslegen.“ „Ja, und wie mache ich, dass das dann nicht immer Geld kostet?“ Darauf schaute ich sie einige Sekunden nur mit leerem Blick an. Denn es war genau die selbe Frage, die mir zuvor bereits eine andere Freundin gestellt hatte – und noch ein Freund – und noch ein Bekannter. Und irgendwie kam ich zu dem Schluss: Als die Musik noch heruntergeladen wurde, also vor zwei drei Jahren oder so, wussten die Menschen noch, dass man Geld für etwas bezahlt. Aber diese Denkweise greift wohl zu kurz: Musikstreaming setzt sich durch, aber bei einigen Nutzern ist ein grundlegender Gedanke noch nicht angekommen oder irgendwo im Malstrom der Reise von der Schallplatte zu Spotify verloren gegangen.

Heute wird gestreamt

Es ist ein Streit, so alt wie das Streaming selbst. Amüsanterweise gab es die Diskussion unter nur leicht abgeänderten Vorzeichen schon zuvor. Sie handelt von dem Thema: Wie hat der Musikliebhaber seine Musik zu lagern und zu konsumieren? Die Fronten sind dabei zumeist verhärtet, die Positionen in Beton gegossen. Hier die Verfechter klassisch physischer Tonträger, da die Anhänger von Downloadmusik. Mit dem Erscheinen von Streaming verlagerte sich die Debatte und wurde vielschichtiger. Nun stehen Anhänger des „klassischen“ Downloads – komisch! – habe ich wirklich „klassisch“ gesagt? – den Streaming-Enthusiasten gegenüber. Viele derer, die einst der CD oder der Platte die Treue hielten, sind inzwischen ins Downloadlager gewandert, von einer verlorenen Bastion zur nächsten. Dort müssen sie abermals zusehen, wie sich der Markt in eine andere Richtung entwickelt. Eine neue Erhebung der US-Branchenorganisation RIIA zeigt, Streaming ist weiter auf dem Vormarsch. Es ist für 62% der in den USA in der ersten Jahreshälfte durch Musikverkäufe erzielten Umsätze verantwortlich. Vor zwei Jahren waren es erst 33%. Unterdessen gehen bezahlte Downloads stetig zurück. Entfiel auf sie 2015 noch 41% des Kuchens, waren es zuletzt lediglich noch 19%.

CD - Pixabay

CD – Pixabay

Klassische Tonträger blieben im Verkauf stabil. Das Geschäft mit CD und LP wird nach wie vor von Musik-Profis wie DJs getrieben. Die setzen zwar inzwischen auch oft auf Computer, es gibt aber noch immer gute Gründe hinter einem physischen Plattenteller zu stehen.

Streaming ist das Medium der Masse

Was bleibt ist die Erkenntnis, die Hörer von heute, so sie nicht Hifi-Enthusiasten oder Musik-Professionals sind, streamen mehrheitlich ihre Musik. 30,4 Millionen bezahlte Streaming-Abos gab es zuletzt in den USA. Apples Streamingdienst Apple Music übersprang unlängst die Marke von 30 Millionen zahlender Kunden. Die Deutschen sind ihrem Ruf entsprechend ein skeptisches Volk, auch beim Streaming, doch die Entwicklung ist auch hier nicht aufzuhalten. Das Modell der Musik zur Miete, die da ist, so lange man sie bezahlt und verschwindet, wenn man damit aufhört, hat sich durchgesetzt. Die Debatte um ein Geschäftsmodell, das nicht auf ewigen Besitz eines Inhalts aufgebaut ist und das dem Konsumenten fortdauernd Geld aus der Tasche zieht, selbst wenn er monatelang gar keine Musik hört, wurde leidenschaftlich und zeitweise erbittert geführt und ging für die Eigentumsverfechter verloren.
Im Schatten des Siegeszuges des Streamings bildete sich eine weitere Fraktion von Hörern: Diese kauft keine physischen Tonträger, hat auch oft keine Abspielgeräte mehr, streamen möchte sie aber auch nicht, weil das Geld kostet. Diese Leute haben früher bedenkenlos 20 Euro für ein Album ausgegeben, 9,99 Euro für die Möglichkeit 40 Millionen Songs zu hören, sind ihnen zu viel. Also hören sie Musik bei YouTube und im Spotify-Basis-Abo und beschweren sich darüber, dass alles so umständlich ist.

Festival

Musikfest – Symbolbild

Auch an der Software-Front unterliegt die Partei, die sich wünscht, eine Software kaufen und dann bis zum Wärmetod des Universums – oder doch der eigenen Maschine – nutzen zu können. Entwickler, Labels und am Ende irgendwo auch… wer verdient denn noch Geld mit Musik? Ach ja, die Künstler bekommen ja vielleicht auch noch ein paar Krümel, sind die Gewinner dieser Entwicklung. Ist das nun eine üble Sache?
Eigentlich nicht! Ich persönlich kann dem Mietmodell einiges abgewinnen. Ich bin auch nicht scharf darauf eine Schrankwand voller CDs oder DVDs zu horten, ich bin kein Cover-Fetischist und so lange die Dienste zuverlässig sind und keine kundenfeindliche Politik betreiben, gefällt mir die Millionen Titel große Bibliothek auf Abruf. Das könnte sich ändern, wenn sich Fälle häufen, in denen Dienste den Zugang zu den umfangreichen Katalogen von Software, Büchern, Filmen und Musik für Kunden willkürlich einschränken, etwa wegen vermeintlicher oder echter Verstöße gegen Nutzungsbedingungen. Die Dienste sind auf das Vertrauen der Nutzer angewiesen, um erfolgreich zu sein und das gibt mir Hoffnung, dass es so bald nicht dazu kommt.

Der enttäuschte Streamingkunde kann nach wie vor zur CD greifen und das wird auch noch eine Weile so bleiben. Daher werden Spotify und Amazon und Apple Music vorerst nicht riskieren die Gunst der Hörer zu verlieren.

Fazit

Mit ewigen Kritikern, für die das Glas nicht nur halb leer, sondern praktisch gänzlich geleert ist, kann ich nicht umgehen. Auch mit Argumenten kommt man bei dieser Fraktion nicht weiter. Zu erklären, dass die selben Menschen vor 30 Jahren gegen die Einführung der CD, dann vor 20 Jahren gegen die Einführung digitaler Downloads waren und folgerichtig nun auch gegen Musikstreaming sind, hat hier keinen Zweck. Aber die Zahlen sprechen für sich: Streaming boomt und das ist gut so.

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Roman van Genabith
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13 Kommentare zu dem Artikel "Chefsalat: Musikstreaming boomt und das ist gut so"

  1. Christian B 29. September 2017 um 20:02 Uhr ·
    Schöner Artikel
    iLike 1
  2. Maik 29. September 2017 um 20:05 Uhr ·
    Like! 👍🏻
    iLike 0
    • Maik 29. September 2017 um 20:06 Uhr ·
      Da sollte statt den Fragezeichen ein Daumen hoch Emoji sehen…. *denkeremoji
      iLike 0
      • Maik 29. September 2017 um 20:07 Uhr ·
        Kommentare bearbeiten zu können wäre übrigens ein nettes Feature!… 😂
        iLike 0
  3. lila 29. September 2017 um 20:09 Uhr ·
    Ich bleibe beim kauf 😁
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  4. Stefan R. 29. September 2017 um 20:10 Uhr ·
    Es kann ja jeder machen, was er will: CDs, Downloads oder Streaming oder einen Mix daraus. Ich hab nicht den Drang, jemanden der nicht streamen will, davon zu überzeugen, dass das der einzig richtige Weg ist. Für mich ist er es. Für andere eben nicht.
    iLike 1
  5. didius 30. September 2017 um 00:02 Uhr ·
    Ein Artikel, einzig und allein aus der Perspektive eines Konsumenten geschrieben, der sich wenig Gedanken darum macht, was ein so disruptives Vertriebsmodel mit den Lieferanten des Contents, den Musiker anstellt, ganz geschweige, wie es nachhaltig notwendige Strukturen und die komplette Musikrezeption verändert und zwar dahin, dass vieles von dem, was die Leute heute genußvoll aus dem Katalog des Musikschaffens der letzten Jahrzehnte genießen, in Zukunft nicht mehr möglich sein wird. Keine Bands mehr, keine langjährig sich entwickelnde Musikgruppen und Künstler sondern nur noch Musik aus dem Computer, industriell als Massenware produziert. Und die Einwände gegen Streaming gleich zu setzen mit anderen Technolgieveränderungen wie Wechsel von LP zu CD zu digitalem Download zeugt nur von der nicht Erfassung der gewaltigen Unterschiede, die der Autor dann selbst noch ansatzweise erwähnt. Allein die Dauerabobezahlung aber auch die Marginalisierung der Musik, weil man beliebig auf Millionen Songs zugreifen kann. Wenn man nur kurz drüber nachdenkt, begreift man vielleicht doch, was das mit der Bedeutung einzelner Alben, einzelner Bands/Künstler macht. Sie werden mehr und mehr irrelevant und Musik wird konsumiert wie Leitungswasser. Na denn Prost!
    iLike 6
  6. kalle 30. September 2017 um 04:53 Uhr ·
    Bye bye Spotify
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  7. Anti-Inu³ 30. September 2017 um 14:08 Uhr ·
    Du hast vollkommen recht! Man könnte auch sagen: … und das ist dumm so!
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  8. George 30. September 2017 um 23:45 Uhr ·
    Ähm, sorry,aber du zählst eigentlich nur Fakten auf, wirfst deine eigene Meinung rein und ziehst dann daraus, dass Streaming toll sei. Das üben wir aber noch mal. Auch wenn ich deine Meinung teile und Streaming benutze.
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    • Roman van Genabith 30. September 2017 um 23:50 Uhr ·
      Yep! Es ist eine Meinung in einem Meinungsformat – keine Analyse, keine Bilanz und keine Position der Redaktion, siehe Einleitung. Das üben wir aber noch mal. ;)
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  9. Herminator 2. Oktober 2017 um 14:05 Uhr ·
    Der Künstler hat etwas vom Streaming? Ja klar, noch weniger als beim Download…. es bleiben nun wirklich nur noch Krümel, wer Kohle machen will muss Touren. didius hat das auch schon schön dargelegt. Streaming wird die Musikwelt weiter in seiner Vielfalt beschränken und uns Konsumenten weiter entmündigen… und das ist gut so? Wahrscheinlich findet der Autor auch Uber gut und Airbnb….Irgendwann fliegt uns das um die Ohren, wenn nur noch die Platform Gewinn macht, die Produzenten aber von den Krümel leben müssen! Wer will dann noch Produzent sein? Nur ohne Produkte wird auch die Plattform nix zu bieten haben
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    • msc 2. Oktober 2017 um 18:16 Uhr ·
      Ich muss auch arbeiten um Geld zu verdienen ! Die armen Stars, jetzt müssen sie auch noch Lice-Konzerte veranstalten für ein paar $ 😉
      iLike 0

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