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Geschichten von Borschtsch und Schaschlik

In welcher Ferne Traditionen zurückliegen, lässt sich nicht unbedingt eindeutig feststellen. Irgendwann haben sie sich aus unterschiedlichen kulturellen Einflüssen herauskristallisiert, und werden dann von uns als etwas „Schon-immer-da-gewesenes“ angesehen. So einfach ist es in Wirklichkeit jedoch nicht. Was heute als „traditionelle“ russische Küche bezeichnen, reicht vielleicht bloß bis in die Sowjetzeit zurück und ist eine Zusammenkunft verschiedener Nationalküchen mit oft preiswerten Zutaten.

Superstar Mayonnaise

In einem so großen Land wie dem russischen von einer einheitlichen „Sowjetküche“ zu sprechen, ist ebenfalls irreführend. Die Kost reichte von Gerichten voller „sch-Laute“ wie Borschtsch (Rote Bete Suppe), Schtschi (Krautsuppe), Schaschlik (geschmorte Fleischwürfel), Letscho (Schmorgericht) und Hartscho (Rindersuppe) über erdige Gerichte wie gebackene Rüben, Hirse- oder Buchweizenbrei und Fischgerichte.

Oft wird die einfache Kost mit viel Mayonnaise bereichert. Ob in der modernen Abwandlung des klassischen „Oliviers“, einem erstmals in den 1860er Jahren von einem in Moskau lebendem französischen Küchenchef kreierten Salat mit erlesenen Zutaten (Kaviar, Kalbszunge, Moorhuhn, Sardellenpaste, frisches und eingelegtes Gemüse durften nicht fehlen), im „Hering unter dem Pelzmantel“ (hier spielen Hering, Wurzelgemüse und Eier zwischen Mayonnaiseschichten die Hauptrolle) oder in der „Mimosa“ (Fischkonservensalat): die fettige, weiße Soße war der Star der jungen Sowjetküche.

Damals gab es natürlich noch kein Low-Fat und Kalorienzählen, und so war sie ein willkommener Fett- und Energielieferant in der sonst eher kargen Kost. Außerdem verlieh sie den Speisen mehr Geschmack. Da Mayonnaise aber auch, wie so vieles andere, nicht in unerschöpflichen Mengen vorhanden war, kam sie fast ausschließlich an Festtagen auf den Tisch.

Sogar in Backwaren fand das weiße Gold Einsatz: mit Teig durch den Fleischwolf gedreht, wurde sie zu Keksen verarbeitet. Käme heute jemand auf die Idee, aus Mayonnaise Kuchen oder Kekse zu backen, würde diese Person einen Shitstorm über sich ergehen lassen müssen – oder einen Innovationspreis bekommen. Über den gesundheitlichen Wert der Mayonnaise mag diskutiert werden, doch der Funken Nostalgie, den sie versprüht, ist unumstritten.

Skurrile Delikatessen

Nun aber genug der Auslassungen über die beliebte weiße Soße. Es gab auch andere Lebensmittel, die die Kindheit der Sowjetbürger*innen prägte und die oft aus den findigen Fingern einer Person stammt, die aus der Not eine Tugend zu machen wusste. So entstand zum Beispiel auch die Doktorwurst, deren Verzehr von vielen Ärzten empfohlen wurde. Der Volkskommissar der UdSSR für die Lebensmittelindustrie, Anastas Mikojan, initiierte diese Wurst in den Zeiten des Hungers um 1936. Fleisch war rar, und so enthielt die Zauberwurst anfangs neben Rind- und Schweinefleisch ebenfalls Milch, Eier und Gewürze.

Eine weitere Lieblingsspeise in Russland ist die Vogelmilch, oder Ptischje Moloko. Nein, dieser Soufflé-Kuchen enthält beileibe keine Milch von Federvieh, sondern aus der Verschmelzung von Biskuit- und Mürbeteig, einer zarten Creme und Schokoladenglasur. Die Ersteigerung dieser Köstlichkeit ging nicht selten mit stundenlangem Schlangestehen vor einer Konditorei einher, was sie umso wertvoller machte. Ihre Entstehung ist auf Wladimir Guralnik, Konditor eines Moskauer Restaurants, zurückzuführen, der den Kuchen in den 60-er Jahren auf Geheiß des damaligen Ministers für die Lebensmittelindustrie erfand. Dafür änderte er einfach ein tschechoslowakisches Pralinenrezept ab und kreierte so die kultige Vogelmilch.

Sovjet Kitchen Unleashed

Mit Essen soll man ja bekanntlich nicht spielen. Wagen wir jedoch einen kleinen Sprung. Wir befinden uns am Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Sowjetunion geht mit erhobener Siegesfahne aus dem Kampf hervor, der Stolz der Nation ist ungebrochen. Soldaten wie Zivilpersonen tanzen jubelnd auf den Straßen und liegen sich in den Armen…

So oder so ähnlich könnte es gewesen sein. Was hier als realistisches Nachkriegsszenario angedeutet wird, ist allerdings der Ausgangspunkt eines etwas ungewöhnlichen Kartenspiels. Und die Folgen des Krieges sind hier  bei weitem nicht so rosig, wie anfangs dargestellt wird. Den Großteil der Vorräte hat der lange Krieg aufgebraucht, die Soldaten leiden Hunger. Es fehlt am Nötigsten. Jetzt liegt es an uns, die Löcher in den Bäuchen der Menschen zu stopfen und eine drohende Hungernot anzuwenden und in die Fußstapfen der Herren Mikojan und Guralnik zu treten.

Sovjet Kitchen Unleashed ist das erste Spiel, welches der sächsische Verlag Hybr Games mithilfe einer Crowdfunding-Aktion 2018 herausbrachte. Das Spiel gibt es als physisches Kartenspiel zu kaufen, funktioniert jedoch hybrid mit einer Gratis-App für iOS und Android. Dieses Spiel kommt also ganz ohne Zocker-Zubehör aus. Die Spieler*innen sind schon mit einer einfachen Bester Ps5 Monitor perfekt ausgestattet.

Was sich vielleicht erst einmal skurril anhören mag, ist wirklich eine Spielfreude. Die Spieler*innen fungieren hier als Militärköche, die ihrer Armee ein nahrhaftes Essen nach dem Motto „Not macht erfinderisch“ auftischen müssen. Hier landet alles, was die richtige Farbe hat, im Mixer! Etwas gelber Sand hilft bei einem allzu sehr an Erbrochenes erinnernden Fraß, und ein paar zu lange oxidierte Nägel verleihen dem faulen Fleisch den passenden Ton. Die Erschaffer der Sowjetküche hatten zwar durchaus magenfreundlichere Ideen, doch wer sich in die abstrakte Welt der Geschmäcker von Sovjet Kitchen Unleashed entführen lässt, kommt mit Sicherheit auf seine oder ihre Kosten.

Wie das Spiel funktioniert? Hier ist Kooperation gefragt. Die beste Farbkombination und Giftmanagement sind der Schlüssel zum Erfolg. Es liegt eine Essensbestellung vor? Jede*r Spieler*in trägt eine Zutat bei, nachdem die Zutatenliste mit der Handykamera gescannt wurde. Anschließend verarbeitet der virtuelle Mixer alles zu einer schmackhaften Paste, und die Spieler*innen müssen nun die Farben und Effekte ihrer Spielkarten diskutieren, ohne sie zu offenbaren. Aufgepasst: leider sind einige Zutaten giftig oder sogar radioaktiv. Wer also die Nation nicht ausrotten möchte, überlege sich lieber genau, wann er oder sie welche Karte spielt.

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Toni Ebert
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