Schon wieder Facebook und die Privatsphäre: iOS-App greift durchgehend auf Kamera zu

Über Twitter macht ein Bug in der Facebook-App für iOS die Runde, der offenbart, dass die App dauerhaft auf die Kamera der Geräte zugreift. Nur ein dummer Fehler oder wieder ein Eingriff in die Privatsphäre der Nutzer?

Kommen wir erstmal zu den Fakten: Joshua Maddux teilte bei Twitter ein Video von einem iPhone mit iOS 13.2, bei dem ein Fehler in der Darstellung der App dazu führte, dass ein Livebild der Kamera, das eigentlich versteckt hinter dem Hauptfenster der Anwendung liegt, plötzlich offen sichtbar war. Ist der Zugriff auf die Kamera für die Anwendung nicht gewährt, wird stattdessen ein schwarzes Fenster angezeigt. Wir haben den Bug an mehreren iPhones mit iOS 13.2 reproduzieren können, unter iOS 13.3 tritt er nicht auf.

Ein neues Kapitel im Buch der Facebook-Skandale?

Die Meldung könnte an dieser Stelle beendet sein. Die Facebook-App hat einen Bug, der Nutzern kaum auffällt und der sowieso nur unter bestimmten iOS-Versionen auftritt. Ein Fix liegt bei Facebook vermutlich schon irgendwo in der Pipeline. Bei vielen anderen Unternehmen würde ich mich mit diesem Ende der Meldung zufriedengeben, immerhin gibt es meiner Meinung nach eine halbwegs plausible Erklärung dafür, dass Facebook im Hintergrund bei Nutzung der App dauerhaft das Kamerabild abgreifen will: Für das Posten eines Fotos oder einer Story ist es aus Perspektive der Nutzer natürlich sinnvoll, wenn die Kamera nicht erst langwierig laden muss, sondern direkt verwendet werden kann. Allerdings sprechen wir hier eben nicht über irgendein Unternehmen, sondern Facebook, dessen Historie von massiven Eingriffen in die Privatsphären von Millionen Nutzern inzwischen vermutlich länger ist als der Stau auf Berlins Autobahnen im Feierabendverkehr. Wir sprechen hier von dem Unternehmen, das politische Werbung nicht untersagen will, weil es damit – nicht zuletzt während der Brexit-Kampagne und im US-Wahlkampf in Zusammenarbeit mit den Damen und Herren von Cambridge Analytica – Unmengen an Geld verdient. Wir reden über das Unternehmen, das regelmäßig kleinere Datenlecks bekanntgibt und dann Monate später zurückrudern muss und die Größe des Lecks auf das zehnfache korrigieren muss. Kurz gesagt: Wir reden über Zuckerbergs Facebook.

Dieses Unternehmen wurde nun dabei erwischt wie es, ohne das Bild der Kamera explizit in der App zu verwenden, auf die Kamera von iOS-Geräten zugreift und Nutzer der App darüber nicht informiert. Als ich heute morgen auf das oben verlinkte Video gestoßen bin, habe ich mich zuerst nur gewundert, nach einigen Überlegungen bin ich mindestens verwirrt und höchst misstrauisch: Die Möglichkeiten, anhand des Live-Kamerabilds Informationen über den Nutzer und zum Beispiel seine Reaktionen auf Inhalte zu bekommen, sind mit heutiger Technologie natürlich vorhanden. Wartet Facebook bald gar nicht mehr darauf, dass man den wütenden roten Emoji unter dem Jubel-Post des befreundeten KSC-Fans anklickt, sondern schlägt diesen bald anhand des Gesichtsausdrucks beim Anschauen des Posts direkt vor? Wie praktisch! Weiß Facebook, ob Nutzer während ihrem Feed-Scrollen in der Bahn fahren, am Schreibtisch sitzen oder nackt in der Badewanne liegen und präsentiert der Situation angemessen Werbung? Sehr aufmerksam!

Wir wissen nicht, ob und wenn ja welche Informationen tatsächlich aus dem Kamerabild gewonnen werden und ich wünsche mir, dass es tatsächlich nur ein Bug ist. Ich wünsche mir, dass Facebook mir nicht noch unsympathischer wird als sowieso schon. Ich wünsche mir, dass mein Vertrauen in das Unternehmen sich nicht vollends in Luft auflöst – immerhin eine so dreiste Spionage wie die, die nach der Entdeckung im Raum steht, traue ich Zuckerberg und seinen Untergebenen doch (noch) nicht zu.

iOS braucht einen Indikator für Kamera-Zugriff

Für mich ergeben sich aus der entdeckten Funktion der Facebook-App allerdings nicht nur Handlungsanweisungen an das soziale Netzwerk (der Zugriff auf die Kamera sollte transparent sichtbar sein und sowieso nicht immer erfolgen), sondern auch zwei konkrete Ideen für Apple:

  1. Eine Funktion wie diese sollte es nicht durch den App Store Review-Prozess schaffen. Dieser sortiert immer wieder liebevoll erstellte Apps mit krudesten Begründungen aus, scheint bei Facebook aber einfach beide Augen zu schließen und die App lächelnd durchzuwinken. Ich hoffe, dass Apples Review-Team technisch die Möglichkeit hat, den Zugriff einer App auf die Kamera unabhängig von der angezeigten UI festzustellen und daraus im Zweifel den Schluss zu ziehen, dass eine App ihren Spielraum weit überschreitet. Das sollte zu einer Ablehnung führen, egal ob die App von Gerd Müller aus Stadtallendorf oder Mark Zuckerberg aus Menlo Park betreut wird.
  2. Mit iOS 13 hat Apple den Zugriff von Apps auf Bluetooth- und WLAN-Informationen stark beschränkt, außerdem sind die Warnungen bei übermäßiger Standort-Nutzung einzelner Apps aggressiver geworden. Ein entsprechender Pfeil, der in Apps auf das Auslesen des aktuellen Standorts hindeutet, wird unter iOS seit Jahren in der Statusbar angezeigt. Greift eine App noch auf das Mikrofon zu nachdem sie den Vordergrund verlassen hat, werden Nutzer unter iOS darüber mit einer prominent roten Statusbar informiert. Der Zugriff auf die Kamera aus Hintergrundprozessen ist aus guten Gründen sowieso verboten. Warum gibt es dann keinen Indikator dafür, dass eine laufende App auf das Livebild der Kamera zugreift? Anhand dessen könnten Nutzer auf App-Basis und nach eigenem Ermessen entscheiden, ob dieser Zugriff gerade Sinn ergibt. Natürlich erlaubt man als Nutzer der Facebook-App generell erstmal Zugriff auf die Kamera, immerhin kann man damit ja auch Fotos posten. Wenn allerdings offensichtlich wird, dass diese nicht nur beim Fotografieren, sondern einfach immer auf die Kamera zugreift, könnte man auch als eher unbedarfter Nutzer misstrauisch werden. Hier hoffe ich, dass Apple mit iOS 14 nachbessert und uns diese Kontrollmöglichkeit einräumt. Bis dahin kann ich nur empfehlen, der Facebook-App den Zugriff auf die Kamera zu verbieten. Sicherer ist vermutlich nur, den eigenen Account zu löschen.

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Yannik Achternbosch
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7 Kommentare zu dem Artikel "Schon wieder Facebook und die Privatsphäre: iOS-App greift durchgehend auf Kamera zu"

  1. Steve 13. November 2019 um 12:16 Uhr · Antworten
    Ich nutzte Facebook seit Jahren nur sporadisch, und habe, zwar spät, aber immerhin schon vor 2 Jahren reagiert, und Account und Apps komplett gelöscht. Bisher vermisse weder ich noch meine Bekannten etwas. Statt dessen werde ich aber immer wieder mit solchen Meldungen bestätigt. und kann es nur jedem empfehlen: Löscht alles, und nehmt mal wieder am realen und privatem Leben teil. Es tut wirklich gut. 😉
    iLike 25
    • Huu 13. November 2019 um 14:44 Uhr · Antworten
      Ich habe den Shice noch nie benutzt und bin, man höre und staune, trotzdem nicht „angehängt“..
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  2. cRiZz 13. November 2019 um 12:49 Uhr · Antworten
    … deswegen haben Facebook Apps inkl. WhatsApp bei mir auch keinen Zugriff auf Kamera, Mikrofon und Standort. ;-)
    iLike 6
    • nighty 13. November 2019 um 13:30 Uhr · Antworten
      Das ist aber ziemlich nervig. Gerade bei WhatsApp nutzt man ja die Sprachnachrichten täglich
      iLike 2
      • cRiZz 13. November 2019 um 14:54 Uhr ·
        Nutze ich nie. Kann doch diktieren, was super funktioniert. :-D
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  3. Huu 13. November 2019 um 13:17 Uhr · Antworten
    Von wegen Bug! Da lachen ja die Hühner 🐔! Zuckerberg macht seine Milliarden mit Datenhandel.. Selbst wenn man, so wie ich, sich keinem dieser Datenkraken-Netzwerke angeschlossen hat, bekommt Zuckerberg über die Adressbücher meiner Freunde, die wider alle Vernunft FB und Co immer noch benutzen, Daten von mir. Das macht mich echt sauer.. 😡
    iLike 7
  4. Sharx 13. November 2019 um 18:53 Uhr · Antworten
    Selbst schuld wer FB nutzt. Punkt!
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