Familienplanung mit Smartphone-Apps, oder: Wem schenke ich eigentlich meine Daten?

Natural Cycles hat sich die natürliche Verhütung durch exakte Bestimmung der weiblichen Fruchtbarkeit auf die Fahnen geschrieben und sieht sich in Schweden nun mit 37 ungewollten Schwangerschaften in einem Krankenhaus konfrontiert. Aber warum verhüten wir überhaupt mit unserem Smartphone und was passiert dabei mit unseren Daten?

Natural Cycles, eine schwedische App, will die Empfängnisverhütung von Frauen weltweit revolutionieren – nötig ist dafür nur ein Basalthermometer, welches man bei Abschluss eines Jahresvertrags für 64,99€ direkt zugeschickt bekommt. Natürlich kann man die App auch vorher testen, ein entsprechendes Thermometer muss man sich dann aber selbst besorgen. Bei Natural Cycles handelt es sich, und das ist an dieser Stelle sehr bemerkenswert, um die erste EU-zertifizierte App zur Unterstützung bei natürlicher Verhütung.

Studien belegen Wirksamkeit

Mehrere wissenschaftliche Studien haben die Wirksamkeit der App belegt, zuletzt haben fast 23.000 Nutzer der App an einer entsprechenden Studie teilgenommen, die Ergebnisse lassen sich online nachlesen und sind beeindruckend: Der Pearl-Index von Natural Cycles liegt bei 6,9, die Wahrscheinlichkeit für eine Fehleinschätzung des Algorithmus („Unfruchtbar“ an einem fruchtbaren Tag angezeigt) liegt bei 5%. Auf unsere Nachfrage teilten uns die Entwickler mit, dass sie nach dem Bericht aus dem schwedischen Krankenhaus zwar weitere Untersuchungen einleiten würden, die Schwangerschaften bei dem genannten Pearl-Index und 700.000 weltweiten Nutzern jedoch keine Überraschung sondern statistisch möglich wären. Man befinde sich im Austausch mit den Behörden und warte von deren Seite noch auf weitere Informationen.

„As our user base increases, so will the amount of unintended pregnancies coming from Natural Cycles app users, which is an inevitable reality.“

Kondome verhüten mehr als nur Schwangerschaften

Während meiner Recherche zu Natural Cycles, in die ich in der vergangenen Woche durchaus einige Zeit investiert habe, sind mir zwei Gedanken gekommen, um die sich der Rest dieses Beitrags drehen soll.

Natural Cycles mag bei der Verhütung von Schwangerschaften ähnlich erfolgreich oder sogar erfolgreicher sein als Kondome, dabei darf jedoch ein wichtiger Punkt nicht unter den Tisch fallen: Kondome verhüten nicht nur Schwangerschaften, sondern auch Geschlechtskrankheiten. In Deutschland ist die Zahl der HI-Virus-Infektionen in den letzten Jahren wieder steigend, bis zu 3.000 Neuinfektionen sind es pro Jahr. Natural Cycles bringt auf der Webseite einen kleinen Hinweis dazu an, „Schützt nicht vor Geschlechtskrankheiten“. Es lässt sich nun darüber streiten, ob dieser Hinweis ausreicht oder ob er präsenter sein müsste und die Entwickler auch in der App mehr darüber mehr aufklären müssten. Eine ausführliche Diskussion darüber sollten wir nicht in den Kommentaren, sondern lieber im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis führen.

Natural Cycles hat ein Geschäftsmodell, andere Apps nicht

Mein zweiter Gedanke war relativ schnell: Was passiert eigentlich mit Daten, die Nutzerinnen in die App eintragen? Diese sind extrem intim und sensitiv, der Umgang auf Seiten der Anbieter damit sollte also sehr verantwortungsvoll und bedacht erfolgen. Die Datenschutzerklärung gab mir schon mal Auskunft darüber, dass keine Informationen zum Fruchtbarkeitszustand einer Frau gesammelt werden. Die Entwickler teilten auf meine Nachfrage dann mit: Lediglich für die Erstellung eines Accounts sammeln sie Namen, Mail und Geburtsdatum der Nutzerin sowie anonyme Nutzungsdaten der App. An dieser Stelle bedeutet das: Natural Cycles weiß, wie viele Nutzer die App zur Planung oder Verhütung von Schwangerschaften nutzen, weiß das jedoch nicht von einzelnen Nutzern und sammelt keine tiefergehenden Daten („Wie viele Frauen in Deutschland sind heute fruchtbar?“ kann also auch nicht zur Unterhaltung der Entwickler aus den gesammelten Daten erzeugt werden). Wichtig zu bemerken ist dabei, dass Natural Cycles ein sehr offensichtliches Geschäftsmodell hat: Nutzer zahlen 64,99€ im Jahr und können den Service nutzen – fertig.

Andere Apps zum Aufzeichnen der weiblichen Periode haben genau das nicht. In einem Test von Stiftung Warentest haben fast alle Apps viel zu viele persönliche Daten über den Nutzer gesammelt und zeigen (in einigen Fällen) dem Nutzer Werbung an. Und gute Werbung funktioniert, auch das sollte inzwischen bekannt sein, nur, wenn man möglichst viel über den Nutzer weiß. Warum sollte man dann, neben dem Geburtsdatum und seiner sexuellen Aktivität, nicht direkt noch die Fruchtbarkeit in den Algorithmus aufnehmen und so während der weiblichen Menstruation Werbung für entsprechende Hygieneprodukte anzeigen? Im Interview mit Netzpolitik fordert die Soziologin Marie Kochsiek daher eine quelloffene und transparente Alternative zu bisher verfügbaren Perioden-Tracking-Apps.

Welche Daten will ich wirklich verschenken?

Die formelle Beschwerde gegen Natural Cycles war für mich ein interessanter Anstoß, mich genauer mit Apps zur Aufzeichnung des weiblichen Zyklus sowie zur Schwangerschaftsverhütung auseinanderzusetzen. Die App aus Schweden scheint eine positive Ausnahme zu sein, sie ist von der EU zertifiziert, sammelt keine unnötigen oder gar intimen Daten und hat ein offensichtliches Geschäftsmodell. Bei der Konkurrenz sieht es da oft anders aus: Es werden so viele Informationen wie nur irgendwie möglich über den Nutzer aggregiert und die Apps finanzieren sich durch eingeblendete Werbung – nicht toll.

In Zukunft sollten wir alle, nicht nur Frauen mit Apps zum Perioden-Tracking, nochmal genau überlegen, welchen „kostenlosen“ Diensten wir unsere Daten – und inzwischen sind eben fast alle Daten intim und sensitiv – anvertrauen. Bei Download einer kostenlosen App, die mal eben einen Online-Account anlegen und zum Beispiel auf den Standort und Gesundheitsdaten zugreifen will, sollten die natürlichen Alarmglocken des Nutzers ordentlich Lärm machen.

-----
Willst du keine News mehr verpassen? Dann folge uns auf Twitter oder werde Fan auf Facebook. Du kannst natürlich in Ergänzung unsere iPhone und iPad-App mit Push-Benachrichtigungen hier kostenlos laden.

Oder willst du mit Gleichgesinnten über die neuesten Produkte diskutieren? Dann besuch unser Forum!

Gefällt Dir der Artikel?

Yannik Achternbosch
twitter Google app.net mail

2 Kommentare zu dem Artikel "Familienplanung mit Smartphone-Apps, oder: Wem schenke ich eigentlich meine Daten?"

  1. Vermont 20. Januar 2018 um 21:42 Uhr · Antworten
    Bei einem Pearl-Index von 6,9 und einer Fehlerquote von 5% befindet sich „Natural Cycles“ in Bezug auf Sicherheit im Mittelfeld gängiger Verhütungsmethoden, so wie etwa das „Tagezählen“. „Natural Cycles“ ist zwar sicherer als Russisches Roulette, jedoch stehen die Chancen für eine ungewollte Schwangerschaft bei 1:20. Zum Vergleich, die Chance auf drei Richtige im Lotto beträgt 1:57.
    iLike 1
  2. HighlySuspicious 21. Januar 2018 um 09:07 Uhr · Antworten
    Natürliche Alarmglocken des Nutzers? 😂 Einfach mal bei 95% absolut null vorhanden, deshalb funktionieren solche Apps und auch andere Dinge doch überhaupt.
    iLike 1